Die fachliche Einschätzung der grossen Plattformen und Angebote von US-Konzernen aus Sicht der Soziokultur hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert: Ging es zunächst «einfach» um den mangelhaften Datenschutz, wurde mit dem deutlichen Aufkommen von Autoritarismus (und der Zuwendung der Protagonist:innen) klarer, wie gerade SocialMedia-Plattformen auch inhaltlich «gestaltet» sind – und nachdem die US-Regierung die Dominanz im IT-Bereich auch politisch nutzt, um auf andere Länder Einfluss zu nehmen, wird auch die Machtrelevanz immer klarer. Diese Einschätzungen sind nicht nur ein Bauchgefühl, sondern lassen sich an ganz konkreten Ereignissen belegen:
- Im Prozess der Twitter-Übernahme wurde deutlich aufgezeigt, wie der Konzern die Plattform gestaltet. Elon Musk hat dies genutzt, um rechte Akteur:innen sichtbarer und zivilgesellschaftliche Organisationen unsichtbar zu machen.
- Die US-Regierung hat dafür gesorgt, dass der Chefankläger des Internationale Strafgerichtshofs sein eMail-Konto (durch Microsoft) verloren hat.
- Und jüngst hat die US-Regierung via das SWIFT-System dafür gesorgt, dass zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Rechts in Deutschland ihre Bankkonten verloren haben.
Ein Thema für die Soziokultur
Die Diskussion um «Digitale Souveränität» bezieht sich häufig auf staatliche Organisationen (die Schweizer Armee ist etwa zu einer grossen Befürworterin für alternative Plattformen geworden). Das letzte Beispiel oben zeigt aber deutlich, dass dies auch für die Soziokultur ein grosses Thema sein muss und zwar gleich auf zwei Ebenen:
- Wie nutzen wir selbst die Plattformen, wie selbst sind wir abhängig und erpressbar, wie stark machen wir Daten der Adressat:innen für Konzerne (und damit für eine autoritäre Regierung) zugänglich?
- Wie unterstützen wir Adressat:innen und gesellschaftliche Akteur:innen dabei, Alternativen zu finden und zu nutzen?
Kompetenzen UND Alternativen
Mittlerweile gibt es zahlreiche Initiativen und Angebote, um Adressat:innen im Leben in der Digitalität zu unterstützen – DigiCafés, Lernstuben, Internetcafés und viele andere Angebote. Bisher geht es dort (zurecht) meist darum, Kompetenzen zu stärken, das eigene Leben in der Digitalität zu meistern und konkrete Unterstützung im Medienhandeln zu bekommen.
Diese Angebote könnten ein guter Ausgangspunkt sein, um Adressat:innen auch Alternativen aufzuzeigen und sie dabei zu unterstützen, sie sich anzueignen. Dabei kann die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen für freie Software, mit Nerd:innen zumindest zu Anfang Sinn machen.
Eine konkrete Inspiration
In Deutschland gibt es dazu eine sehr inspirierende Initiative: den digitalen Unabhängigkeitstag oder #DigitalIndependenceDay. Immer am ersten Sonntag im Monat machen verschiedene Initiativen dezentrale lokale Angebote, die auf Begegnung, Gemeinschaftlichkeit, Machen und Spass setzen. Davon kann sich die Soziokultur auch in der Schweiz inspirieren lassen.
PS: Einer der Initiator:innen des DiDay ist Marc-Uwe Kling, der Autor zB. des Neinhorns. Seine Präsentation des DiDay beim Chaos Communication Congress ist sehr kurzweilig und gleichzeitig inhaltlich wertvoll: Er bereitet wichtige Punkte zur Digitalität in Comics und Texten auf. Der Videomitschnitt ist hier zu finden.